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Ein Spaziergang durch Flensburgs "Angst-Räume"

Ein Spaziergang durch Flensburgs

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Ein Spaziergang durch Flensburgs "Angst-Räume"
von Lukas Knauer

Flensburg, 21.15 Uhr. Es ist ein ungewöhnlich lauer Sommerabend. Langsam verschwindet die Sonne hinter dem Horizont. Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, Verena Balve, steht vor dem Rathaus und hält eine Postkarte in der Hand. "Sich sicher fühlen! Sich frei bewegen!" steht in großen Lettern darauf. Am unteren Rand erkennt man die angedeuteten Silhouetten einiger Flensburger Sehenswürdigkeiten: darunter die Marineschule, der Wasserturm und die St. Nikolaikirche.

Flensburgs dunkle Ecken: Maßnahmen gegen Angsträume
Schleswig-Holstein Magazin - 23.07.2018 19:30 Uhr
In jeder Stadt gibt es Orte, die am Abend Unbehagen auslösen. Schwach beleuchtete Gassen oder der dunkle Weg zum Parkplatz. Der Gleichstellungsbeauftragte in Flensburg untersucht solche Angstorte.

Auf 5.000 verteilte Postkarten kommen mehr als 200 Antworten
Rund 5.000 dieser Postkarten hat die Verwaltung Anfang Februar erst drucken und danach in Flensburg verteilen lassen - mit dem Ziel zu erfahren, ob es für die Flensburger sogenannte Angsträume in ihrer Stadt gibt. Mehr als 200 Postkarten und Mails hat die Verwaltung zurückbekommen. Junge und Alte, Männer und Frauen schrieben. Viele davon nennen konkrete Orte, an denen sie sich in Flensburg unwohl fühlen. Und genau das will Verena Balve ändern: "Niemand soll sich unsicher fühlen, wenn er durch die Stadt läuft - genau deshalb haben wir die Aktion gestartet."

Im Sommer ein Touristenmagnet - im Winter ein Angstraum
Die vielen kleinen Gässchen, der alte Hausbestand und die Hinterhöfe in der Innenstadt sind typisch für Flensburg. Im Sommer tummeln sich hier die Touristen - im Winter sind viele Plätze abends häufig menschenleer. So wie der Nikolaikirchhof. Er gehört zu einem von 70 Angsträumen, die von den Flensburger Bürgern gleich mehrfach genannt wurden.

Wer vom Südermarkt zum Gericht oder nur zur Volkshochschule möchte, der muss an dem Kirchhof vorbei. Abends sind die Gebäude hier leer. Eine der Treppen liegt fast komplett im Dunkeln. "Ich würde nicht hier entlanggehen und sagen: 'Hier fühle ich mich wohl'", sagt Verena Balve und schaut sich um.

Dies sind viele der Angsträume in Flensburg

Die Stadt Flensburg will, dass sich ihre Bürger auch in den Abendstunden und in der Nacht sicher fühlen.

Deshalb startet die Verwaltung Anfang Februar mit dieser Postkarte eine Befragung.

In den mehr als 200 Einsendungen werden 70 Angsträume benannt. Das sind Orte, an denen sich die Bürger unwohl fühlen. Darunter ist auch der Nikolaikirchhof.

Wer vom Südermarkt zum Gericht oder nur zur Volkshochschule möchte, der muss hier vorbei. Abends ist diese Gegend häufig menschenleer - vor allem im Winter sei es hier "gruselig", schreibt eine Flensburgerin.

"Niemand soll sich unsicher fühlen, wenn er durch die Stadt läuft - genau deshalb haben wir die Aktion gestartet", sagt Verena Balve. Sie ist die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt und Initiatorin des Projekts.

Am "Mauseloch", einer Unterführung am ZOB, hat die Stadt bereits vor der Aktion die Beleuchtung erneuert und die Wände bunt gestrichen. Trotzdem fühlen sich viele Flensburger noch immer unwohl, wenn sie hier durchlaufen.

Auch die St. Jürgen-Treppe ist so ein Angstraum. "Jeden Abend in diesem Winter musste ich über diese dunkle Treppe nach Hause gehen und es ist so unheimlich", schreibt eine weitere Flensburgerin.

"Die Postkarten-Aktion war ein voller Erfolg", sagt die Flensburger Gleichstellungsbeauftragte. Im September will sich eine Delegation aus dem Rathaus elf der Angsträume bei Dämmerlicht ansehen. Danach soll entschieden werden, wo nachgebessert werden kann und muss.

 
"Jeden Abend musste ich über diese dunkle Treppe gehen"
Auch ein schmaler Durchgang unter einem Bahndamm, das sogenannte Mauseloch, wurde erwartungsgemäß genannt. Oder die St. Jürgen-Treppe, die den Stadtteil Jürgensby mit der Innenstadt verbindet. Breite Stufen aus Beton schlängeln sich über mehrere 100 Meter einen kleinen Berg hinauf. Scheinwerfer leuchten den Weg gut aus, aber die Gärten rechts und links der Treppe bleiben vollkommen im Dunkeln. "Jeden Abend in diesem Winter musste ich über diese dunkle Treppe nach Hause gehen und es ist so unheimlich", heißt es in einer der vielen Zuschriften, die die Gleichstellungsbeauftragte erreicht haben.

Ideen: Engere Bustaktung, Frauentaxi und Hecken schneiden
Die Stadt plante schon vorher, einige der genannten Orte umzugestalten. Doch es sind auch neue Anregungen dabei. "Die Postkarten-Aktion war ein voller Erfolg - wir stehen aber immer noch am Anfang", sagt die Flensburger Gleichstellungsbeauftragte.

Die Frage lautet also: Was kann die Stadt tun? "Es gibt Bereiche, an denen die Leuchtmittel nicht ausreichend sind, es könnten Hecken zurückgeschnitten werden", sagt Verena Balve. "Der ÖPNV könnte in den Abendstunden in engerer Taktung fahren, ein Frauentaxi wäre auch eine Option."

Im September will sich eine Delegation aus dem Rathaus elf der Angsträume bei Dämmerlicht ansehen. Verena Balve will die möglichen Maßnahmen so schnell wie möglich in die Ratsausschüsse einbringen.

 

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Quelle: Schleswig-Holstein Magazin | 23.07.2018 | 19:30 Uhr

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